Annegret Held für Cicero: Wie nackt ist nackt?

Annegret Held für Cicero:

Annegret Held für Cicero Fliegende Koffer

Annegret Held für Cicero Fliegende Koffer

Wie nackt ist nackt?

Wenn du unter dem metallischen Bogen stehst und unsichtbare Strahlen deinen Leib durchdringen, dann bist du nackt. Wenn du aber durch meinen Torbogen kommst und meine Hände dich überall berühren, deinen Brustkorb und die Schulterblätter, wenn sie deinen Knochen nachfahren und den Muskelsträngen, über deine Rippen gleiten und durch die Kuhle deines Schlüsselbeines, wenn sie deine Leistenbeuge und Achselhöhlen und deinen Bauch zucken lassen, während sie den Hosenbund ertasten – dann bist du angezogen. Deine Privatspähre ist gewahrt! Auch wenn ich natürlich Verwachsungen erkenne und einen leeren Schwangerschaftsbauch oder Hermaphrodismus: Ich respektiere dich und habe Instruktionen für deine Scham. Deine Schamgrenze verläuft gesetzlich festgelegt entlang der Drahtbügel deines BHs kreisrund um jenen Ansatz, der für gewöhnlich eine Frau von einem Mann unterscheidet, und was den Mann betrifft, wird der mit Scham belegte Teil seines Körpers von der Sonde in Form des großen „M“ umfahren. Den Rest deines Körpers greife ich jeden Tag ein wenig fester. Mit jedem Anschlag, jeder Drohung, jedem Sprengstoffattentäter suche ich intensiver nach angeklebten Keramikmessern und Patronen irgendwo in deiner Kniekehle. „Was haben Sie da?“, frage ich das alte Mädchen aus Frankfurt, da es doch offensichtlich drei Brüste hat. Drei Brüste sind nicht erlaubt. Und ich räume in der Kabine eine Rolle mit zehntausend Euro aus dem eingefallenen Zauberkreuz-BH. „Wisse Sie, moin Mann war so krank gewese. Un jetz isser wieder gesund. Und jetz verjubele mer alles und flieche um die Welt!“ Strahlendes, altes Frankfurter Mädchen. Wo sie alle hingehen. Und wo sie alle herkommen. Es scheint, als ob sich um mich herum die ganze Welt aus den Angeln hebt und sich dreht wie ein Karussell, um sich dann wieder hinzusetzen. Glänzende Inderinnen mit nackten Bäuchen, starke Kanadier, mexikanische Nonnen und prächtige Afrikanerinnen in kolibrigrünen Gewändern ziehen an mir vorbei. Es ist mir ja nicht gleichgültig, wo du herkommst und wo du hingehst. Geht dein Weg nach Israel, so zerwühle ich dein Haar und taste dir druckvoll die Glieder ab entlang der Blutbahn und zerre dir die Schuhe von den Füßen und werfe sie in eine Kiste. Willst du jedoch als Österreicher nach Österreich, dann gähne ich bloß mal angelegentlich. Dem Nacktscanner ist es schnurz, wo du hingehst und erst recht, wie es dir geht. Ich jedoch spüre sehr wohl, ob du krank bist oder lustig oder müde. So stolperte einmal eine junge Afroamerikanerin im engen, grünen Pulli weinend vor Abschiedsschmerz um einen deutschen Liebhaber durch die Kontrolle. Das kommt eher selten vor. Und ich wollte sie trösten: „Before you arrived at home, your lover has sent you an e-mail.“ „But how do you know?“, schluchzte sie. Ich hob die Handsonde: „This is a little machine that can read all secrets of the world and whispers them in my ear.“ Daraufhin fiel mir die schöne Frau aufheulend um den Hals. Das kommt auch eher selten vor. Meine Handsonde ist immer bei mir, und ich schlenkere sie hin und her wie eine Damenhandtasche. Der Griff wird langsam warm und feucht, und wir wischen ihn mit Sterilium ab. Doch auch die Gummihandschuhe werden im Inneren trotz Puder bald feucht und durchsichtig. Taste ich etwa nur Schleier und Tschadors, so bleiben die Handschuhe unbeschadet. Doch an groben Europäern mit Nieten und Schlaufen zerreißen sie und werden erschreckend schnell grau und schmutzig. Und so verteile ich den Pariser Straßenstaub an die Bluse der Engländerin, und ich nehme den Gewürzduft aus dem indischen Sari und reibe ihn unbewusst in den bestickten Rücken einer Norwegerin. Der Nacktscanner zeigt dich beleidigend als goldenen Grottenolm mit Cellulitis. Vielleicht auch als stilisiertes graues Männlein mit orangenen Kästchen irgendwo. Doch er weiß nicht, wie schmutzig du bist. Es ist ihm völlig egal, ob du Reizwäsche trägst, einen künstlichen Darmausgang oder deinen BH voller Wattekugeln hast. Mir aber nicht. Eine riesige Amerikanerin mit blauem Propeller auf dem Kopf stampfte mir einmal entgegen und wirkte mit ihrem grauen, straffen Dutt wie eine republikanische Bibelleserin, die Mahnwachen gegen die Abtreibung hält. Und doch piepste meine Sonde, und ich ertastete unter der Jeans auf den Schenkeln seltsame Arabesken von kleinen, festen Drahtschlingen. Die Dame musste sich in der Kabine entkleiden und siehe da: Sie trug einen Hüftgürtel mit miederfarbenen Strapsen. Waren es nun erotische oder nostalgische Beweggründe? Die gesamte Komposition der Dame vom blauen Propeller im grauen Haar mit Jeans und Hüftgewurschtel bleibt mir ewig in Erinnerung. Noch des Nachts wandern Tausende Passagiere durch meine Träume in endlosen, bunten Kolonnen. Ich kann sie betrachten oder ihnen die Hände auflegen, als wollte ich sie heilen. Ein Nacktscanner ist tumb und blöd. Er heilt nicht und träumt nicht und ahnt nicht und zieht dich einfach nur aus. Doch wenn du glaubst, dass du bei ihm nackter bist als bei mir, dann sage ich dir: Bei mir bist du noch tausendmal nackter! Aber weißt du, es macht mir nichts aus. Und so wünsche ich dir von ganzem Herzen einen guten Flug!

http://www.cicero.de/berliner-republik/wie-nackt-ist-nackt/40564

Comments are closed.